Line of Command
Philip Gaisser
with contributions by Katja Aufleger & Etienne Dietzel
Nov 22, 2019 – Jan 11, 2020

(please scroll down for german version)

A landscape, the encyclopedia Meyers Konversations-Lexikon defines in the early twentieth century, is any section of the surface of the earth that can be surveyed from a given vantage point, bounded by the horizon where earth and sky seem to abut. A man stands by a gate in a metal fence. A plastic bag containing golf balls is slung over a post. A precipice yawns in front of him; on the other side are hills, their slopes terraced. He tees up, adjusts his posture, takes a big swing, and hits the ball. A sequence of movements that is not real. The number of golf balls in the plastic bag changes from picture to picture; these are not photographs of one and the same drive. Still, that is the reading they suggest, and only a somewhat closer scrutiny reveals the difference. The logic of the sequence gives rise to a subtle counter-logic. So there are, on the one hand, interconnection and differential deviation, the continuity of a motion and its discontinuity, the interaction between one-point perspective and the secondary scenes in the image. But on the other hand, there is also the odd counter-logic with which this private driving range refills the artificial valley—the house in which the golfer lives stands on its edge—with golf balls.

A logic of progress is ingrained in humans’ relationship with nature. Man’s well-being rests on the utilization of nature and the creation of a landscape that corresponds to a human perspective, surveying, and standardization. These set a course that both enables and inhibits growth: meadows are aggregations of grass stalks on which animals graze, mountains are strip-mined or riddled with tunnels where valuable resources are buried under them, sand is a construction material. The landscape is a scenario of exploitation, part of an economic algorithm. On the one hand. But then, on the other hand, nature is also an infinite number of possibilities; any individual member of a swarm can change the entire swarm’s direction. In the golfer’s narrative, his position vis-à-vis the decommissioned mine remains questionable: it seems uncertain how long his lonely house will remain standing, so close to the steep edge of the pit, before it will fall victim to the landscape. His seizing on the opportunity presented by this menace for his pastime and slowly but surely filling the hole with golf balls at least prompts a few reflections.

So do other works in “Line of Command” that, with similar nonchalance, begin by showing what “is.” For example: diminutive and utterly abstract living creatures that, as part of an aging computer program in which human and machine learning coincide, are learning how to walk, wobbling on unsteady feet, an arduous process. A golf course that was brought into being simply by making a suitable map of an existing landscape, without adding anything to it or taking anything away. Beneath this landscape lie freshwater lakes. Sand gathered in hills above them that became overgrown with marram grass; they were left untouched because the sand is unsuitable for construction, the grass without agricultural value. Algorithms that are learning by imperceptible degrees the infinite number of possibilities of structuring a grassy landscape such that no stalk or tuft resembles another. Or a landscape that appears untouched even though, or precisely because, nuclear waste has been stored beneath it.

A landscape is not necessarily beautiful and permanent; it can also be temporary and ugly. The manner in which man imposes his economic and cultural regime on nature is contradictory, as are the temporal modes that underlie it. Humans and their apparatuses and technologies roam the natural world and exploit anything that is of any use (including what has already been used), be it as a likeness of the human soul, for recreational purposes, or as a source of prosperity. This perception of nature-as-landscape is—and how could it not be—always in the eye of the human beholder. When his perspective shifts just a little bit, the horizon loses its significance as the sole frame of reference, and a peculiar silence descends.
-Annette Hans

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Landschaft, so heißt es Anfang des 20. Jahrhunderts in Meyers großem Konversations-Lexikon, sei jeder Ausschnitt der Erdoberfläche, den wir von einem bestimmten Standort aus zu überblicken vermögen, bis im Horizont oder Gesichtskreis Erde und Himmel zusammenzustoßen scheinen. Ein Mann steht am Tor eines Metallzauns, an einem Pfosten hängt eine Plastiktüte mit Golfbällen, vor ihm ein Abgrund, auf der anderen Seite Hügel, deren Hänge terrassiert sind. Er legt einen Ball zurecht, macht sich zum Abschlag bereit, holt aus und schlägt. Eine Bewegungs-abfolge, die keine ist. Die Plastiktüte ist unterschiedlich voll mit Bällen, es handelt sich nicht um Fotos von ein und demselben Abschlag. Trotzdem suggerieren die Bilder diese Lesart und nur eine gewisse Intensität an Betrachtung offenbart die Differenz. In der Logik der Sequenz entsteht eine subtile Gegenlogik. Einerseits ist da also der Zusammenhang und die differentielle Abweichung, die Kontinuität einer Bewegung und ihre Diskontinuität, das Verhältnis zwischen Zentralperspektive und den Nebenschauplätzen im Bild. Andererseits ist da aber auch die seltsame Gegenlogik mit der diese private Driving Range das künstliche Tal, an dessen Rand das Haus steht, in dem der Golfer wohnt, mit Golfbällen wieder auffüllt.

Eine Logik des Fortschritts ist eingeschrieben in das menschliche Verhältnis zur Natur. Das Wohlergehen des Menschen basiert auf der Nutzbarmachung von Natur und dem Schaffen einer Landschaft, die einer menschlichen Perspektive, Vermessung und Normierung korrespondieren. Damit wird eine bestimmte Richtung eingeschlagen, die Wachsen ermöglicht und verhindert: Wiesen sind Ansammlungen von Halmen, auf denen Tiere grasen, Berge werden abgetragen oder Stollen in sie gebohrt, wo sich Lohnendes finden lässt, Sand ist ein Baumaterial. Landschaft ist ein Szenario der Verwertung, Teil eines ökonomischen Algorithmus. Einerseits. Andererseits ist Natur aber auch eine unendliche Zahl von Möglichkeiten, jedes Individuum in einem Schwarm kann dessen gesamte Richtung ändern. In der Erzählung des Golfers bleibt sein Verhältnis zu der ehemaligen Mine fragwürdig: Wie lange sein Haus dort noch einsam stehen bleiben wird so dicht an der Abbruchkante, bevor es der Landschaft zum Opfer fällt, scheint ungewiss. Dass er sich dieser Bedrohung für seine Freizeitaktivität bemächtigt und sie nach und nach mit Golfbällen füllt, setzt zumindest ein paar Gedanken frei.

So wie andere Arbeiten in „Line of Command“ auch, die gleichfalls ohne viel Aufhebens zunächst einmal zeigen, was „ist“. Zum Beispiel: kleine, maximal abstrakte Lebewesen, die – Teil eines schon älteren Computerprogramms, bei dem menschliches und maschinelles Lernen in eins fällt – mühselig und ungewiss taumelig das Laufen erlernen. Einen Golfplatz, der allein dadurch entstanden ist, dass eine vorhandene Landschaft entsprechend kartographiert wurde, ohne ihr irgendetwas hinzuzufügen oder wegzunehmen. Unter dieser Landschaft befinden sich Süßwasserseen. Über ihnen entstanden mit Dünengras bewachsene Sandhügel, die unberührt blieben, weil sich weder der Sand zum Bauen noch das Gras zur landwirtschaftlichen Nutzung eignen. Algorithmen, die nach und nach die Unendlichkeit der Möglichkeiten lernen, um eine Graslandschaft so aufzubauen, dass kein Halm oder Büschel dem anderen gleicht. Oder eine Landschaft, die unberührt daherkommt, obwohl oder gerade weil unter ihr Atommüll lagert.

Landschaft ist nicht notwendig schön und dauerhaft, sondern auch temporär und hässlich. Die Art und Weise, wie der Mensch Natur ökonomisch und kulturell zurichtet, ist widersprüchlich, wie auch die Zeitlichkeiten, die ihnen zugrunde liegen. Er und seine Apparate und Technologien bewegen sich durch sie hindurch und verwerten alles Nutzbare (auch das schon Benutzte), ob als Abbild der menschlichen Seele, zur Erholung oder für Wohlstand. Diese Wahrnehmung von Natur als Landschaft erfolgt – wie könnte es anders sein – immer durch den Menschen. Verändert sich die Perspektive ein wenig, verliert der Horizont seine Bedeutung als alleiniger Bezugsrahmen und wird seltsam still.
-Annette Hans