AB67, Eine Installation von Th. Baldischwyler

5.6.–11.7.2015
AB 67
Eine Installation von Th. Baldischwyler

Axel Bullert wurde in den letzten Minuten des zweiten Weltkriegs geboren. In Berlin. Im Keller des Wilmersdorfer Krankenhauses. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Seine Mutter zog 1947 mit ihm nach Hamburg. In diesem Jahr begann sie am Harburger Theater zu arbeiten.

Erst war Axel bei seiner Großmutter untergebracht, dann wurde er von seiner Mutter – damals nicht unüblich – in die Obhut eines Kinderheims gegeben. Später zieht er mit seiner Mutter nach Neu Wulmsdorf. Dann wird Axel auffällig und kommt – damals auch nicht unüblich – in ein Erziehungsheim.

Am Anfang der 1960er Jahre war er einer von vielen Ausreißern, die durch die immer noch zerbombten Straßen Hamburgs liefen. Ein beliebter Ort für die selbstgewählt Heimatlosen war die Palette in der ABC-Straße, wenige Schritte vom Gänsemarkt entfernt. Als Axel im Sommer 1962 die Stufen der Kaschemme hinabstieg, hatte seine sprachlose Attraktivität bereits viele Bewunderer. Doch in jenem Sommer wurde er zur Epiphanie für den knapp zehn Jahre älteren Schriftsteller Hubert Fichte. Fichtes Begehren machte Axel zur “Blume zu Saaron”, zu einem Protagonisten des Hohenlieds Salomons, der „vor Liebe krank ist“.

Anders als beim Lyriker Stefan George und seinem Kult um den von ihm um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verehrten jungen Münchners Maximilian Kronberger ging es Fichte nur am Rande um Idealisierung. Seine Liebe zu Axel wurde zur Liebe Axels. Axels Sprachlosigkeit wurde zum Fundament für die Projektionen des Schriftstellers: Er wurde ein Gefäß, das in verschiedenen Variationen – auch als Alter Ego Fichtes – ins literarische Oeuvre eingebunden werden konnte. Axel war aber mitnichten Opfer. Er hatte ein großes Interesse, dagegen dabei zu sein. Ingeborg Bullert charakterisierte ihren Sohn als jemanden, der sich, trotz seiner autistischen Veranlagung, nicht lange vertiefen konnte und wollte, sondern Resonanz brauchte und auf seine Außenwirkung bedacht war.

Nach einem romantischen Exkurs in die Seefahrt kam er zum ersten Mal mit LSD in Berührung. Vermutlich war es für ihn auf der einen Seite ein sozialer Trigger – Harun Farocki berichtet von einer Schweiz-Reise, von der er mit ganzen Klinikpackungen zurückkehrte und dadurch im Keller Begeisterung erntete – und auf der anderen Seite ein Hilfsmittel, um gegen heteronormative Rituale anzukämpfen.

Für den amerikanischen Philosophen Terence McKenna waren Cannabis, Psilocybin, DMT, LSD und andere Psychedelika „Katalysatoren intellektuellen Widerspruchs”. In seinem Buch The Archaic Revival vermutete er, dass Psychedelika nicht deshalb illegal seien, „weil es irgendjemanden stört, dass du Visionen hast”, sondern weil „sie Zweifel an der Gültigkeit der Wirklichkeit hervorrufen”. Deshalb sei es selbst für patriarchalische „Dominator”-Gesellschaften schwierig, Psychedelika in Kauf zu nehmen.

Diese Erkenntnis klingt wie ein Widerhall der Rufe Fichtes nach einer „Verschwulung der Welt“. Eine Formel, die als Chiffre für eine Utopie gemeint war, in der die rituellen Schranken durchlässiger oder aufgehoben werden. “Verschwulung” meint eigentlich: Humanisierung – die Menschen als Menschen zu sehen. Axel tauschte sich extensiv mit Fichte über ihrer beider Bi-Sexualität aus. Auch wenn Fichte sagte: „Ideale nicht Idole“– die Sehnsucht nach einer Beziehung blieb unerwidert.

Axel findet die vermeintliche Realisierung einer Utopie in der amerikanischen Theatergruppe The Living Theatre. Der Zusammenschluss von Professionellen und Laiendarstellern wurde 1948 von den Piscator-Schülern Judith Malina und Julian Beck gegründet. Artauds Theater der Grausamkeiten nicht unähnlich wollten sie das Publikum durch Exzesse und Ekstasen aus der Zivilisations-Lethargie aufschrecken und verwandeln. Das Ziel: “Alles, was noch nicht geboren ist, kann (durch das Theater) geboren werden.” Die Gruppe war 1964 vor einem Steuerprozess aus den USA nach Berlin geflüchtet. Ab 1965 trat Axel hier in doppelter Rolle in Erscheinung: als lose assoziiertes Mitglied und als derjenige, der
die Truppe mit Drogen versorgte.

Axel hatte begonnen, den Handel mit Drogen zu professionalisieren, er war sicherlich nicht der erste Dealer der Nachkriegszeit, aber einer der bestausgestatteten und -informierten. Die Gammler-Drogen Captagon und Pervitin (zwei Amphetamin- Derivate) und Preludin (ein synthetisches Morphin) waren feste Bestandteile seines Sortiments. Der Wechsel von Psychedelika zu Uppern und Downern war bezeichnend für die Zeit vor dem vermeintlichen Paradigmenwechsel im Übergang von den 1960er in die 1970er Jahre. Das System der Erziehungsheime hatte eine Sehnsucht nach Freiheit provoziert, welche auf der anderen Seite von Zeitschriften wie der twen kommerzialisiert wurde. Das „Wir“, welches dem „Wir und Ihr“ der Eltern- und Kriegsgeneration entgegengestellt werden sollte, transformierte sich von einem sanften, verbindenden Ansatz zu einem, den bleiernen Umständen entsprechenden, Schritt in die Radikalität. Und dafür bedurfte es keiner künstlichen Nebenrealität, sondern nur eines klaren „An!“ und „Aus!“.

Schon bald wurde Axel zum zweiten Mal in die Psychiatrie eingewiesen. Beim ersten Mal, ein paar Jahre zuvor, hatte er sich freiwillig in Behandlung begeben, weil er sich fälschlicherweise eine erhellende Möglichkeit („Lieber betreut wohnen als betrogen leben!“) in therapeutischen Zusammenhängen erhoffte. Dieses Mal wurde er nach einem Kollaps unter Zwang eingewiesen und nur durch das Engagement des jungen Rechtsanwalts Otto Schily befreit. Axel bekam vom Gericht die Auflage, Berlin fortan zu meiden und nach Hamburg in die Wohnung seiner Mutter zurückzukehren.

Zu seinem Glück begann das Living Theatre in den ersten Monaten des Jahres 1967, ein Gastspiel im Auditorium Maximum der Universität Hamburg vorzubereiten. Leider endete dieses Gastspiel mit einer Enttäuschung für Axel, als er erfuhr, dass das Ensemble im Anschluss ohne ihn in die USA zu seinem ersten Auftritt nach drei Jahren Exil aufbrechen werde. Er fing an, sich synthetisches Morphium zu spritzen, und unternahm seinen ersten Selbstmordversuch.

Wenige Tage später – am 27. Juni 1967, drei Wochen nach dem Mord an Benno Ohnesorg – bat Axel eine befreundete Palettianerin, bei ihm zu bleiben, während er sich eine Überdosis setzte. Als Ingeborg Bullert nach Hause kam, fand sie ihren Sohn tot auf ihrem Bett. Eigentlich wollten sie an diesem Tag Peter Brooks Verfilmung von Peter Weiss’ Die Verfolgung und Ermordung des Jean Paul Marat sehen. Axel hatte dieses Stück sehr gemocht. Vor allem jene Szene am Ende,in der die von de Sade geführten Irren an den Gittern reißen, die sie von den Zuschauern trennen – den Siegeszug der Irrationalität und des Unbewussten über den kühlen vernünftigen Marat und sein Gesellschaftsprinzip einläutend.



Helmut Schmidt
“Angelegt wurden die ersten der Spionierspiegel im Jahre 1964 unter dem damaligen Hamburger Innensenator Helmut Schmidt; der letzte Spiegel, in der öffentlichen Toilette am Rathausmarkt, wurde noch nach der zweiten Reform des Homosexuellenparagraphen 175 im Jahre 1973 installiert. Als Begründung für ihre Observationen führen die zuständigen Behörden ins Feld, nur so die „ekelerregenden Belästigungen“ (Polizeisprecher Peter Kelling) stoppen zu können, denen sich „unbedachte normale Benutzer“ der Toiletten seitens aufdringlicher Homosexueller ausgesetzt gefühlt hätten.”

twen & Peter Moosleitners interessantes Magazin
“Auch mit politischen Themen wie der von der Mehrheit der Westdeutschen verdrängten NS-Vergangenheit oder der Studentenbewegung beschäftigten sich twen-Autoren regelmäßig. Es gab dabei eine linksliberale Grundtendenz und auch Überschneidungen mit dem Autorenmilieu von konkret, pardon und dem populärwissenschaftlichen P.M.-Magazin. Twen kann von daher auch zum publizistischen Umfeld der Außerparlamentarischen Opposition und später der „68er-Bewegung“ im weiteren Sinne gezählt werden.”

Behind The Green Door
“Marilyn Chambers wird in ein Sex-Theater entführt, wo sie gezwungen wird, verschiedene sexuelle Handlungen vor einem maskierten Publikum vorzunehmen. In der ersten Szene tritt eine Pantomimin auf der Bühne mit einer grünen Tür im Hintergrund auf. Hinter der Bühne wird Marilyn von Lisa Grant verführt oder hypnotisiert. Danach wird die grüne Tür geöffnet und Marilyn wird herausgeführt, von sechs Frauen entkleidet und sexuell stimuliert. Es folgen Gruppensex und weitere Szenen. Marilyn Chambers sagt im gesamten Film kein einziges Wort.”

St. Pauli bei Nacht
“Otto Retzers Pseudo-Dokumentarfilm Babystrich im Sperrbezirk von 1983 handelt von den verschiedenen Formen der Prostitution und zeigt den Regisseur in diversen meist gefakten Straßeninterviews mit minderjährigen, aber auch erwachsenen, weiblichen und auch männlichen Prostituierten in verschiedenen deutschen Großstädten (wie es sich für einen Lisa-Film gehört, sind die verschiedenen Lokalitäten Anlass für lustige Mundart-Dialoge). Wirklich überraschende Erkenntnisse lässt Retzers Fragetechnik leider nicht zu. Sein möglicherweise sogar ehrliches Interesse wird immer wieder von Sensationsgeilheit unterwandert.”

Der Saaltext
“Das zweidimensionale Universum der Bilder und Flächen ist als Evolutionsstufe zwar ein Fortschritt, aber kein Endpunkt; auf sie folgt die Schrift. Sie bedient das Bedürfnis nach ordnenden und erklärungsmächtigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen und Kausalität, und dieses neue Universum der Schrift und der Geschichte ist linear, eindimensional und ermöglicht die narrative und prozessuale Logik mit Anfang und Ende, Ursachen und Folgen, sowie in deren Folge „die begriffliche Welt“ und „das konzeptuelle Universum der Texte, der Rechnungen, der Erzählungen und Erklärungen, welche als Projekte für nichtmagisches Handeln dienen“. “