What Time Is It on the Clock of the World*, Hamburg, 2016
Foto: Helge Mundt, Courtesy: Alice Peragine

24.6.–16.7.2016
ALICE PERAGINE
Soft Core — Audio/Visual Room

Alice Peragine untersucht in ihren künstlerischen Arbeiten institutionalisierte Machtverhältnisse mithilfe von Performance und Installation. Sie überträgt alltägliche Kontrollmechanismen wie etwa die Sicherheitsabfertigung am Flughafen in einen neuen Kontext, um durch die Wiederaufführung einen distanzierten Blick auf sie zu ermöglichen. Zentrale Themen in Peragines Werk sind ritualisierte Ein- und Ausschlüsse, Einschreibungen struktureller Gewalt auf den Körper und die Definition von öffentlichem und privatem Raum vor dem Hintergrund einer veränderten Auffassung von Sicherheit.

Kernstück ihrer ersten Einzelausstellung Soft Core – Audio/Visual Room in der Galerie Conradi ist eine Diaprojektion, die im Loop das Eindringen eines Projektils in eine kugelsichere Weste zeigt. Das mit einer Hochgeschwindigkeitskamera aufgenommene, gefundene Videomaterial wurde von der Künstlerin in seine einzelnen Bildsegmente geteilt und auf Dias übertragen. Das Geräusch des beständig nachladenden Projektors wird mittels eines Kontaktmikrofons an ein Mischpult übertragen, an welchem ein Walkie-Talkie angeschlossen ist, das wiederum den Sound verstärkt an weitere im Raum verteilte Walkie-Talkies sendet. Peragine erschafft damit einen unerbittlichen und klaustrophobischen Kreislauf, der den physischen Gewaltakt seziert und um eine psychologische Komponente erweitert. Durch seine permanente Wiederholung brennt er sich nicht nur dem Ausstellungsraum, sondern auch dem Betrachter ein und evoziert ein paranoides Gefühl der Beklemmung. Die Gnadenlosigkeit der Maschine trifft auf die verletzliche Oberfläche des menschlichen Körpers. Peragine inszeniert das Unheimliche eines beständig laufenden Räderwerks, das symbolisch für essentielle Fragen unserer heutigen Zeit steht, die von zunehmender Angst und einem neuen Schutzbedürfnis geprägt ist.

Die Ausstellung wird durch weitere typische Werkzeuge der Sicherheits- und Überwachungstechnik ergänzt. Damit schließt sie gleichzeitig an Peragines Performance Soft Core — Protection Procedure an, die im Rahmen des Festivals What Time Is It on the Clock of the World* von Stadtkuratorin Hamburg im Mai 2016 auf dem Rathausmarkt in Hamburg stattfand. Acht in hautfarbene Uniformen gekleidete Akteure, die untereinander mit Hundeleinen verbunden waren, markierten die Fläche vor dem Hamburger Rathaus und zogen dabei, den Anweisungen eines anonymen Operators Folge leistend, ihre Bahnen immer enger. Die Befehle wurden parallel auf Funkkopfhörer gesendet, die an die Festivalbesucher, Passanten und Touristen verteilt wurden. Die Audioaufnahme des Operators klingt in der Ausstellung durch ein von der Decke hängendes Security-Headset nach. Auch die Westen und Leinen der Akteure finden sich als Spur der Performance und ihrer Protagonisten im Galerieraum wieder und werden wie der Ear Guard von Taschenlampen beleuchtet. Die Künstlerin überträgt damit den performativen Eingriff im öffentlichen Raum in die relative Privatheit einer Galerie. Im Zusammenklang bilden beide Stränge der Ausstellung eine künstlerische Analyse der Analogie und Kausalität zwischen persönlichem Sicherheitsbedürfnis und den möglichen Konsequenzen
für die individuelle Freiheit.(Tobias Peper)

Alice Peragine (*1986 in München) studiert im Studiengang Zeitbezogene Medien bei Michaela Melián an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Sie ist Mitbegründerin von PLATEAU, einer web-basierten Plattform für Performing Arts in Hamburg, und Mitglied des Künstlerkollektivs C.O.P.S. Sie war an Ausstellungen u. a. im Kunsthaus Hamburg (2014), Poolhaus Hamburg (2015) und Kunstverein Hamburg (2015) beteiligt. 2013 erhielt sie mit dem Kollektiv Klunker den Förderpreis für Bildende Kunst im Rahmen des Bundeswettbewerbs KunststudentInnen und Kunststudenten stellen aus (Bundeskunsthalle Bonn). 2014 wurde Peragine mit dem Berenberg Preis für Junge Kunst ausgezeichnet.